Image

Der Wohlstand eines Landes lässt sich nur begrenzt durch das Bruttoinlandsprodukt messen. Die Zufriedenheit der Bürger spielt ebenso eine wichtige Rolle für ein gutes Leben. Diese wird üblicherweise durch Beobachtung und Aussagen über die persönliche allgemeine Lebenszufriedenheit gemessen. Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP, 2014) befragt seit 1984 jährlich über 20.000 Bundesbürger nach ihrer Zufriedenheit und vielen weiteren sozio-demografischen Faktoren. Die Ergebnisse der Befragungen zeigen, dass die Deutschen in den letzten Untersuchungsjahren sehr hohe Zufriedenheitswerte angaben, im Vergleich zur Vergangenheit (Enste/Ewers, 2014).

Doch wie zufrieden sind eigentlich die kleinsten Bürger in Deutschland? Und welche Aktivitäten fördern ihre Zufriedenheit? Schließlich hat die Geburtenrate in Deutschland seit 30 Jahren wieder ein Rekordniveau erreicht. Für die Zufriedenheit der Kinder wurde entweder die Mutter oder der Vater befragt, ob ihr Kind eher eine hohe, mittlere oder niedrige Zufriedenheit aufweist. Da nur knapp zwei Prozent der befragten Betreuungspersonen der Vater war, wird im Folgenden zur Vereinfachung nur von Müttern gesprochen. Insgesamt gaben die Mütter sehr hohe Zufriedenheitswerte für ihre Kinder an: 73 Prozent der befragten 1.361 Mütter im Jahr 2014 gaben an, dass ihr Kind sehr zufrieden ist, 27 Prozent gaben eine mittlere Zufriedenheit an und niemand gab an, dass sein Kind eine geringe Zufriedenheit hat (Abbildung). Die Ergebnisse der Erwachsenenbefragungen zeigen etwas geringere Werte bei der hohen Zufriedenheit: knapp die Hälfte der befragten 18.000 Bundesbürger wiesen jeweils eine hohe, beziehungsweise mittlere Lebenszufriedenheit auf, und nur zwei Prozent gaben eine geringe Zufriedenheit an (Enste/Ewers, 2014).

Der Verdacht besteht, dass eine besonders zufriedene oder unzufriedene Mutter die Zufriedenheit ihres Kindes eher überschätzt oder unterschätzt. Deshalb sollte auch die Zufriedenheit der Mutter überprüft werden. Denn diese wird sie vermutlich auch über- oder unterschätzen. Genau dies haben die Ökonomen Paul Anand und Laurence Roope (2016) von der Oxford Universität getan und außerdem die Lebensumstände und Fähigkeiten von Müttern und ihren Kleinkindern aus den Jahren 2007 bis 2010, untersucht.

Die Wissenschaftler untersuchten zwei Schwerpunkte bei den 2-3-jährigen Kindern: erstens die Aktivitäten der Kinder, welche diese mit ihrer Bezugsperson tätigten (Singen, Spazierengehen, Malen, Vorlesen und Geschichten erzählen, Bilderbücher anschauen, Spielplatzbesuch, Besuch anderer Familien, Einkaufen, Fernsehen) und zweitens die Zufriedenheit der Kinder. Das Ziel war folgende Frage zu beantworten: Welche Tätigkeiten machen Kleinkindern Freude?

Im Ergebnis zeigt sich, dass Singen, Spaziergänge, Malen, Spielplatzbesuche, Fernsehen oder Besuche anderer Familien keinen signifikanten positiven oder negativen Einfluss auf die Zufriedenheit hatten (Abbildung). Auch Geld, in Form des Haushaltsäquivalenzeinkommens, spielte bei kleinen Kindern keine Rolle für ihre Zufriedenheit. Einen positiven und signifikanten Zusammenhang wiesen allerdings das Vorlesen und Geschichten erzählen, zum fünf-Prozent Niveau, mit der Zufriedenheit der Kinder auf. Einen etwas weniger starken, aber signifikanten positiven Einfluss, zum zehn-Prozent Niveau, hatte die Aktivität Einkaufen gehen. Der positive Einfluss der Aktivitäten Vorlesen und Einkaufen könnte der pure Unterhaltungseffekt sein, oder die enge soziale Interaktion mit der Betreuungsperson.

Warum die soziale Interaktion so entscheidend für die Betrachtung der Zufriedenheit der Kleinkinder ist, kann der sogenannte Ansatz der Verwirklichungschancen (Capability aproach, Amartya Sen 1985) verdeutlichen. Dieses Erklärungsmodell betont, dass die Aktivität für die Kinder wichtiger ist als der Besitz. Die Möglichkeit des gemeinsamen Erlebens beim Vorlesen und die Teilhabe am Leben der Erwachsenen sind entscheidender als das Geschenk oder die gekauften Güter selbst. Darüber hinaus ist es ein schönes Nebenergebnis, dass Bildung durch gemeinsames Lesen nicht nur klug macht, sondern auch glücklich.

Interessant bleibt trotzdem, warum gerade Vorlesen einen signifikanten positiven Einfluss hat und die vielen anderen Aktivitäten wie Singen, Spielplatzbesuche, etc. nicht. Auch hierfür finden die Wissenschaftler eine plausible Erklärung in den Daten: und zwar unterscheidet sich die Verbreitung der Aktivitäten nur beim Vorlesen. Die anderen Aktivitäten werden regelmäßig von allen Betreuungspersonen begleitet und dadurch ergeben sich dort keine großen Unterschiede. Jedoch lesen nicht alle Mütter und Väter ihren Kindern ein Buch vor oder erzählen eine Geschichte. Doch bei diesen Familien könnte das gemeinsame Erleben des Vorlesens und Geschichten erzählen zur Zufriedenheit beitragen.

Vor den kommenden Feiertagen machen Sie Ihren Kindern vielleicht eine große Freude, wenn Sie die Weihnachtsgeschenke gemeinsam einkaufen und dabei das Nützliche mit dem Schönen verbinden und ein Buch zum gemeinsamen Vorlesen aussuchen.

IW-Kurzbericht

Mara Grunewald: Zufriedenheit von Kleinkindern – Vorlesen macht klug und glücklich

IconDownload | pdf

Ansprechpartner

Lebenszufriedenheit der Generation 60 plus steigt
IW-Kurzbericht, 16. Mai 2017

Mara Grunewald Lebenszufriedenheit der Generation 60 plus steigtArrow

In den letzten Jahren ist die allgemeine Lebenszufriedenheit der Bürger in Deutschland gestiegen. Rund 55 Prozent geben eine hohe Zufriedenheit an, während dies vor 10 Jahren nur 35 Prozent taten. Arbeit ist ein wichtiger Zufriedenheitsmotor und macht auch im Alter glücklich. mehr

Saarland und Hessen besonders gesundheitsbewusst
IW-Kurzbericht, 31. August 2016

Mara Grunewald Saarland und Hessen besonders gesundheitsbewusstArrow

Während gesunde Ernährung keine Frage des Alters oder der Staatsangehörigkeit ist, zeigt sich, dass einkommensstarke Haushalte einen größeren Wert auf gesunde Ernährung legen. Auch die Bundesbürger im Südwesten Deutschlands ernähren sich gesundheitsbewusster als im Rest des Landes. mehr

Lebenszufriedenheit und Einkommen
IW-Kurzbericht, 25. August 2016

Marie Möller Glücklich, glücklicher, HamburgArrow

Die Hamburger sind die glücklichsten Deutschen. Auf einer Skala von 1 bis 10 weisen sie eine durchschnittliche Lebenszufriedenheit von 7,0 auf, während die Bewohner Sachsen-Anhalts nur auf eine 3,7 kommen. Darüber hinaus haben Hamburger auch ein überdurchschnittliches hohes Einkommen pro Kopf, während für Sachsen-Anhalt das Gegenteil gilt. Aus diesem Muster lässt sich allerdings nicht ableiten, dass mehr Geld immer glücklicher macht. mehr